Warum ist der Hausarzt wichtig? (2)

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Gesprächstherapie und Lebensberatung

Auch nach einem Krankenhausaufenthalt liegt die weitere Betreuung des Patienten in den Händen des Hausarztes. Der Patient wird entlassen, die Befunde werden – oft zusammen mit den Angehörigen – besprochen, wichtige Schritte werden in die Wege geleitet: Ausstellung der medikamentösen Verordnung, weitere Betreuung durch Hausbesuche, durch die Diakonie- oder Krankenpflegestation, eventuell Pflegeeinstufung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Oft ist dabei auch psychologisches Gespür beim Arzt gefragt. Denn ein Hausarzt muss seine Patienten nicht nur medizinisch betreuen, sondern fungiert gelegentlich auch als Lebensberater:

Frau M. hatte einen Schlaganfall und ist jetzt wieder zu Hause. Wiederholt ruft sie in der Praxis an und benötigt Hausbesuche: Herzdruck, Unwohlsein, nachts schläft sie kaum. Die verschriebenen Schlafmittel verträgt sie nicht; außerdem helfen sie ihr auch nicht.

Beim Hausbesuch bekomme ich Einblick in die familiären Verhältnisse. Sie wohnt allein mit dem (ebenfalls betagten) Ehemann; bisher war sie immer fit, nun funktioniert sie auf einmal nicht mehr so gut, kann die Hausarbeit nicht mehr verrichten. Das frustriert sie sehr.

Außerdem, erzählt sie mir, haben sie und ihr Ehemann bisher jedes Jahr an Weihnachten ihre Kinder und Enkelkinder in der Schweiz besucht. Die Enkelkinder seien aber noch klein und „sehr umtriebig“, das sei nichts mehr für sie. Deshalb grübelt sie jede Nacht, was sie nun machen soll, und kann nicht einschlafen.

Ich rate ihr, dieses Weihnachten einmal zu Hause zu bleiben. Die Kinder können ja gelegentlich mit den Enkeln einen Besuch bei ihr in Deutschland machen.

In der nächsten Nacht schläft die Patientin besser (ohne Schlaftabletten); der Brustdruck lässt nach. Sie berichtet mir, dass sie den Besuch in der Schweiz abgesagt hat. Die Kinder hatten Verständnis dafür und werden gelegentlich in den Weihnachtstagen bei ihr vorbeikommen.

Viele Erkrankungen sind durch eine persönliche Notlage oder durch besondere Anspannungen ausgelöst. Dazu zählen psychosomatische Erkrankungen, aber auch zahlreiche akute Erkrankungen, wie z.B. gehäufte Infekte. Als häufige Ursache kommen Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz in Frage. Viele Patienten möchten gern darüber sprechen. Auch dafür ist der Hausarzt da.

Eine Mutter kommt mit ihrer Tochter zu mir in die Praxis. Die Tochter hat Bauch- und Nackenschmerzen. Als Hausarzt weiß ich, dass sie schon immer ein sensibles Kind war. Vor kurzem hat sie nach Schulabschluss eine Lehre angefangen. Ich frage sie, wie sie damit zurechtkommt. Tatsächlich empfindet sie die Umstellung von der Schule auf die Lehre manchmal als sehr stressig – gegen Abend nehmen die Bauchschmerzen oft zu. Als ältestes Kind steht sie ziemlich im Mittelpunkt der Familie, der Erwartungsdruck ist hoch. Ein Gespräch mit den Eltern und auch dem Ausbilder wirkt klärend. Die Tochter kann besser abschalten und findet Ausgleichsmöglichkeiten. Die Beschwerden klingen allmählich wieder ab.Oft muss der Hausarzt auch nichtärztliche Hilfen und Dienste in die Behandlung seiner Patienten integrieren. Das klingt vielleicht etwas theoretisch, umfasst aber in Wirklichkeit ein weites Spektrum und ist oft so spannend wie ein Krimi.Eine Frau leidet immer wieder unter Infekten. Irgendwann kommt sie in die Sprechstunde und erzählt mir, dass sie ihren Job gekündigt hat. Sie berichtet, dass aus ihrer Sicht auch die häufigen Infekte mit dem Ärger an ihrer früheren Arbeitsstelle zusammenhingen. Meine Aufgabe als Hausärztin ist nun, sie bei der Arbeitssuche und den nächsten Schritten unterstützend zu begleiten. Da ich die familiäre Lage kenne (sie ist alleinerziehend und hat zwei halbwüchsige Kinder), weiß ich, wie wichtig es für diese Frau ist, dass sie wieder Arbeit findet. Ich leite auch die zwischenzeitlich erforderliche Reha-Maßnahme ein.

Besonderes Feingefühl ist bei schwerkranken Patienten und schwierigen Familienverhältnissen erforderlich.

Ein Patient ist zu Hause und liegt im Sterben. Die Ehefrau ist selbst psychisch krank; es bestehen massive eheliche Konflikte. Sohn und Schwiegertochter wohnen ebenfalls im Haus, sind aber durch ihre eigene familiäre Lage (drei kleine Kinder) mit der Betreuung des Patienten überfordert. Zusammen mit der Familie wird das weitere Vorgehen besprochen. Der Patient kann beispielsweise im Hospiz oder auf der Palliativstation betreut werden. Dort können ihn die Angehörigen regelmäßig besuchen, ohne unter dem Druck der häuslichen Pflege zu stehen. Der Patient schläft im weiteren Verlauf des Gesprächs ein – schmerzfrei und friedlich, aber doch im Kreis seiner Familie.

Bei rheumatischen Erkrankungen (beispielsweise Rückenbeschwerden) ist es wichtig, dass der Hausarzt weiß, wo der Patient arbeitet. Steht er viel? Sitzt er lange am PC? Fährt er oft stundenlang mit dem PKW durch halb Deutschland? Grundkenntnisse über die Arbeitsbedingungen der berufstätigen Patienten sind unabdingbar. So können viele Erkrankungen besser erklärt und behandelt werden.

Eine Patientin leidet immer wieder unter Schmerzen im Nacken, vor allem beim Blick nach rechts. Da ist es wichtig, zu wissen, dass sie Kassiererin ist und acht Stunden täglich an der Kasse arbeitet. Dementsprechend kann ich sie dann behandeln. Eventuell empfiehlt sich auch eine Rücksprache mit dem Betriebsarzt oder Chef der Patientin, um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen anzuregen.

Obwohl die Arbeit eines so tätigen Arztes inzwischen von den Kassen absolut nicht mehr entsprechend honoriert wird, bin ich immer noch gerne Hausärztin. Es ist eine Aufgabe, die mir große Freude bereitet. Das Arbeiten mit verschiedenen Menschen erfordert große Flexibilität und ein ständiges Umdenken, ist aber dafür auch sehr abwechslungsreich. Eines ist sicher: Langweilig wird es einem Hausarzt bei der Ausübung seines Berufs nie.

View: Die Betreuung dementer Patienten durch den Hausarzt

Was ist spezifisch hausärztlich bei der Betreuung alter Menschen?

Was ist denn „typisch Hausarzt“?

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